persönliche Gedanken

Es ist vielleicht nur ein flüchtig aufgetauchter Gedanke, aber einer der sich trotz der Flüchtigkeit nicht so leicht verdrängen lässt . Ein paar Gedanken zu meinem und an meinen Vater, zu seiner Zeit und an viele, manchmal wortlose Erlebnisse mit meinem Vater.

Die Zeit, als mein Vater noch war als die „die gute alte“ zu bezeichnen mag vermessen klingen, aber aus der Sicht eines heute über 50jährigen durchaus nachvollziehbar.

Es war eine Zeit, da der Begriff „STRESS“ nicht in jedermanns Munde zur Rechtfertigung für alle möglichen negativen Einflüsse des Alltags herhalten musste, sondern da hatte man einfach viel Arbeit, war gut ausgelastet oder es war einfach der Tag zu kurz.

Das HANDY, das kurioserweise ausschließlich im deutschen Sprachraum so genannt wird, war noch nicht zur Geisel der steten Erreichbarkeit und dadurch zur Manifestation der eigenen Wichtigkeit im Alltag allgegenwärtig, sondern da wurde noch der Teilanschluß für Privatpersonen und der ganze Anschluß für Geschäftsleute von der Post angeboten.

Es war insgesamt eine ruhigere, nicht so hektikverseuchte Zeit, wo ein Gespräch zwischendurch noch normal war, wo der Stundenzeiger den Takt vorgab und nicht wie heute, der Minuten-, wenn nicht gar der Sekundenzeiger.
In eben dieser Zeit war auch mein Vater noch relativ gesund und aktiv, so dass ich auf viele schöne, gemeinsame und auf ewig unvergessliche Situationen zurückblicken kann.

REHBÖCKE

Wieviele Male ich mit meinem Vater in sein Gäu, das ist das Gebiet in dem er das Vieh einkaufte, wo er viele Bauern kannte und in dem er auch vielen Bauern bekannt war, fuhr, um Kälber, Schweine oder Rinder zu holen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls geschah es fast immer montags morgen, dass wir um 4 o. 5 Uhr früh losfuhren, weil das Vieh schon bald im Schlachthof sein musste, da ja die Gesellen und der Lehrling auf die Arbeit warteten.

So war es auch einmal zur Zeit der Rehbrunft, als wir bereits mit dem beladenen Wagen von Ludmannsdorf Richtung Klagenfurt unterwegs waren. Als wir bei einer an der Straße liegenden, an den Wald grenzenden Wiese vorbeikamen, hielt mein Vater das Auto an und wies mich auf zwei miteinander kämpfende Rehböcke hin. Er, als vormals begeisterter Jäger wollte auch mir dieses Schauspiel, heute nur mehr in UNIVERSUM od. sonstigen Naturfilmen zu sehen, zeigen und mir auch erklären, warum denn dieser Kampf stattfindet.

Trotz der Zeitknappheit, in der er sich befand, war für diese für uns beide wichtige Viertelstunde einfach Zeit. Heute, in Zeiten der Massentiertransporte über das Autobahnnetz, dürfte so ein Erlebnis wohl kaum mehr jemandem widerfahren.

FUTTERGELD

Es war üblich, besonders bei Kälbern, das Tier bei Abholung vom Hof vor ort mit einer heute nirgendwo mehr verwendeten STANGENWAAGE zu wiegen. Wie man sich vorstellen kann, ging es da nicht um Deka u. Gramm, wie bei einer elektronischen Waage, sondern um ½ kg als kleinste Unterteilung.

Nur zu einer kurzen Illustration, wie das technisch vor sich ging:
Diese besagte Stangenwaage wurde an einem Haken aufgehängt und das Wiegegut, sprich das Kalb, mit Hilfe eines Strickes an der Waage fixiert. Mit einem verschiebbaren Tariergewicht wurde so das Gewicht eruiert. Einem Usus folgend wurde dem gemeinsam festgestellten Gewicht ein halbes Kilo für den verwendeten Strick abgezogen.

Mein Vater hingegen, sich der Arbeit bewusst, die dahintersteckt, wenn es ein „schönes Kalb“ geworden ist (manchmal mit der Flasche die Milch füttern, den „Kaiblstoll“ sauber halten, um Infektionen zu vermeiden, das Fell striegeln, liebevolle Ansprache und viele Dinge mehr, die fast immer der Bäuerin oblagen) bezahlte aber stets ohne Strickabzug das Gesamtgewicht, mit der Bemerkung, der Bäuerin stünde für ihre Arbeit ein sogenanntes Futtergeld zu.

Durch diese Art des Vieheinkaufes ergaben sich wiederum zwei Dinge:
da stets sofort und in bar bezahlt wurde, ist mein Vater fast immer von der Bäuerin mit Tee oder Kaffee und Kuchen bewirtet worden, wovon auch ich manchmal partizipiert habe – und – viel wichtiger: wann immer ein, um es zu wiederholen, „schönes Kalb“ zum Verkauf stand, wurde es zuerst meinem Vater angetragen, bevor man es einem Viehhändler oder einer Großfleischerei anbot.

Dem Gedanken folgend war es logisch, dass die Großzügigkeit meines Vaters zu besonders guter Fleischqualität führte. Noch heute, nach so vielen Jahren, kommen manchmal die Kinder dieser Bauern ins Geschäft und erzählen von der einen oder anderen Geschichte, die mit meinem Vater, der achtungsvoll „der Kranzelbinder“ genannt wurde in Zusammenhang stehen.